Denkt negativ!

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Dirk Hauer

John Holloway ist Professor in Puebla, Mexiko. Er ist Marxist und von der zapatistischen Bewegung begeistert. Und er hat ein spannendes neues Buch geschrieben: Ein Buch über Macht, Identitäten, Klassenkampf und Revolution. Ein "Anti-Empire", sehr viel radikaler und beunruhigender als jener postmoderne Bestseller, dafür weniger hip.

Manche Bücher sind sperrig, obwohl sie nicht kompliziert geschrieben sind. John Holloways "Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen" ist ein solches Buch: Sprachlich oft orientiert an den zapatistischen Kommuniques, mit eher bescheidenem Fußnoten- und Anmerkungsapparat, ohne schwierige Fachausdrücke und Fremdwörter. Und trotzdem keine einfache Kost, weil dieses Buch quer liegt zu den meisten linken Gedankenwelten und Theoriegebäuden. Holloways kritisiert den Poststrukturalismus genauso wie den Operaismus, die Kritische Theorie wie den Leninismus, Rosa Luxemburg wie alle Varianten eines "wissenschaftlichen Sozialismus". "Die Welt verändern ..." ist ein verwirrendes Vergnügen, weil die Lektüre ein Einlassen auf ambivalente (Denk-)Prozesse erfordert, weil sie einen Verzicht auf liebgewonnene und Sicherheit bietende Kategorien und Schubladen verlangt.

Holloways Perspektive ist nicht die einer weiteren Kapitalismusanalyse. Wie der Kapitalismus funktioniert, interressiert ihn nur unter der Fragestellung, wie er zerstört werden kann. "Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen" ist eine Theorie des Kampfes. Das ist der Hintergrund für Holloways flammende Kritik an allen linken und marxistischen Ansätzen und Kategorien, die die Analyse zu einer "normalen" Wissenschaft machen. Folgerichtig ist sein Ausgangspunkt ein leidenschaftliches Beharren auf Negativität: "Am Anfang ist der Schrei." Und dieser Schrei ist ein Schrei gegen die herrschenden Verhältnisse.

Der programmatische Ausgangspunkt der berühmten 11. Marx"schen Feuerbachthese führt hier unmittelbar zur Kritischen Theorie und der Negativen Dialektik der Kritischen Theorie. Horkheimers Aufsatz über "Kritische und traditionelle Theorie" ist allgegenwärtig. Ein adäquater Begriff der ver-rückten Welt muss den erwähnten Schrei beinhalten. Es muss ein negativer Begriff sein, der die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mit dem distanzierten, "objektiven" Blick der Forscherin in starre Modelle und Definitionen presst, sondern ihre Widersprüchlichkeit und prinzipielle Zerbrechlichkeit beinhaltet. Negatives Denken ist ein Denken in widersprüchlichen Prozessen, nicht in festgefrorenen Fotografien. Folglich sind Begriffe wie Geld, Kapital oder Staat bei Holloway keine wirtschafts- oder sozialwissenschaftliche Größen oder gar Gegenstände. Sie sind soziale Verhältnisse, Machtverhältnisse, Kampfverhältnisse, instabile Verhältnisse.

Negatives Denken ist ein Denken gegen die herrschenden Machtverhältnisse, jedoch nicht im Sinne einer irgendwie gearteten Gegenmacht. Für Holloway sind alle Vorstellungen, Macht-, Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse dadurch abzuschaffen, indem man zunächst die Macht erobert, historisch gescheitert. Das theoretische wie praktische Problem besteht in einer Revolution, die Macht auflöst. Wie Foucault betont Holloway den vielfältigen und mikroskopischen Charakter der Macht, die alle gesellschaftlichen Verhältnisse und alle Subjekte durchdringt und von allen täglich reproduziert wird. Doch während jener die Funktionsweisen der Macht beschreibt, zielt Holloway auf ihre Abschaffung. Für ihn läßt die Foucaultsche Machtanalyse allerhöchstens einen Spielraum für Verschiebungen in den Konstellationen von Macht und Widerstand. Eine Überwindung, eine emanzopatorische Perspektive ist jedoch verbaut.

Diese sucht Holloway in der gesellschaftlichen Praxis. Unter Rückgriff auf die Marxschen Frühschriften verortet Holloway die Entstehung und Reproduktion (instrumenteller) Macht in dem Prozess der Entfremdung. Für ihn ist der Kern aller entfremdeter Seinsformen des Menschen die Verwandlung kreativer gesellschaftlicher Tätigkeiten, des "Tuns", in "Arbeit". Dabei ist das "Tun" bei Holloway weder apriori körperliche, noch "produktive" Tätigkeit, und entsprechend ist "Arbeit" auch nicht auf mehrwertproduzierende (Lohn-)Arbeit beschränkt. Die Verwandlung von "Tun" in (entfremdete) "Arbeit" setzt dort ein, wo der gesellschaftliche Charakter des "Tuns" unterbrochen wird, wo Tätigkeiten nur noch als Privatarbeiten erscheinen und wo die gesellschaftliche Arbeitsteilung nur noch über den Markt vermittelt wird. Die private Aneignung unterbricht das gesellschaftliche "Tun" und führt zu einer Herrschaft des "Getanen" (als Eigentum) über das "Tun"; in Marxschen Begriffen: zur Herrschaft der toten über die lebendige Arbeit.

Die Herrschaft des "Getanen" ist der Kern jeder Form instrumenteller Macht. Während Foucault die Vielfalt unterschiedlicher Macht-Widerstand-Konstellationen beschreibt (Die verschiedenen Sterne aus einer explodierenden Feuerwerksrakete), betont Holloway die Ursache der Macht in der Entfremdung gesellschaftlicher Tätigkeit (Die Flugbahn der Feuerwerksrakete). Er konstruiert also durchaus einen "Hauptwiderspruch". Doch ist es nicht der traditionelle marxistische Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, sondern einer zwischen kreativem "Tun" und (entfremdeter) "Arbeit". So ist "ArbeiterInnenklasse" bei Holloway keine soziologische Kategorisierung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Da "Arbeit" die entfremdete Form aller gesellschaftlichen Tätigkeiten ist, sind im Prinzip alle "ArbeiterInnen". Holloway wehrt sich ausdrücklich gegen einen Begriff von "Arbeit" und "Klasse", der nur auf die Mehrwertproduktion und die Lohnarbeit fixiert ist.

In kritischer Weiterentwicklung des Operaismus löst Holloway auch den schematischen Antagonismus von Kapital und Arbeit auf: Kapital ist Arbeit, nämlich verdinglichtes, entfremdetes "Tun". Entsprechend sind Kapital und ArbeiterInnenklasse auch nicht "reine" antagonistische Subjekte, und der Klassenkampf ist kein Boxkampf. Er ist Widerstand gegen Entfremdung, Ausbeutung und Unterdrückung mit dem Ziel, dass die ArbeiterInnenklasse sich als ArbeiterInnenklasse abschafft. Klassenkampf bei Holloway ist vor allem anti-identitär und durchdringt die gesamte menschliche Existenz. Klassenkampf findet permanent und in vielfältigen Formen statt, er kennzeichnet das Kapitalverhältnis als soziales Verhältnis. Deswegen muss er aber keineswegs immer "fortschrittlich" sein. Der Schrei der Unterdrückten, um in Holloways Bild zu bleiben, ist oft genug hässlich, bösartig und selbstzerstörerisch

In den zentralen Kapiteln des Buches analysiert Holloway die Fetisch-Formen, die aus der Trennung von "Tun" und "Getanem" resultieren: Staat, Klasse, Nation, Macht, Geschlecht, Ethnie, Identität etc. In begrifflicher Nähe zum Marxschen Warenfetisch bezieht sich Holloway vor allem auf Georg Lukacs ("Geschichte und Klassenbewußtsein") sowie auf die Kritische Theorie (hier vor allem Adorno). Wie jene betont der den totalen Charakter des Entfremdungszusammenhangs: Es gibt in der verdinglichten Fetisch-Welt kein Außerhalb, aus dem sich irgendein gesellschaftlicher Antagonismus herleiten ließe, weder irgendwelche nicht-kapitalistischen Regionen oder Produktionsweisen, noch irgendein nicht-kapitalistisches, nicht-entfremdetes (Befreiungs-)Subjekt.

Damit gerät eine auf Emanzipation gerichtet Analyse in ein schwieriges theoretisches Dilemma: Wie kann der Entfremdungszusammenhang durchbrochen werden, wenn er denn so umfassend und total ist? Adorno hat vor diesem Problem kapituliert, indem er Befreiung und Emanzipation zu einem Ding der Unmöglichkeit erklärt hat. Lukacs und Gramsci flüchteten sich in die Partei bzw. den "organischen Intellektuellen", die - auf geheimnisvolle Weise dem Entfremdungszusammenhang entronnen und über den Dingen stehend - die wahren Emanzipationsinteressen des Proletariats kennen und zum Ausdruck bringen. Marcuse und andere suchten die TrägerInnen der Befreiung in Subjekten, die (noch) nicht in das Kapitalverhältnis integriert seien. Auch post-operaistische TheoretikerInnen entkommen diesem Dilemma nicht. Die "Multitude" in Negri und Hardt"s "Empire" ist zwar ein Befreiungsssubjekt von innen gegen totale Kontrollgesellschaft, doch diese Subjektivität kommt wie ein heiliger Geist über die Menschen bzw. über eine neue Form des altbekannten leninistischen Parteiintellektuellen - den "Militanten" als postmoderner Franz von Assisi.

Holloway löst das Problem, in dem er den Fetischismus als dynamischen und widersprüchlichen Prozess beschreibt, als Fetischisierung. Weder gibt er die Perspektive einer revolutionären Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf, noch flüchtet er sich in irgendeine Form von Avantgardismus. Statt dessen betont er, dass die Fetisch-Formen permanent und jeden Tag neu produziert werden. Die ursprüngliche Akkumulation, in der der Kapitalismus aus dem Feudalismus hervorgegangen ist, wird gewissermaßen ständig neu vollzogen. Die Produktion entfremdeter menschlicher Daseinsformen ist das Ergebnis einer permanenten gesellschaftlichen Praxis, in die wir alle zwar unauflöslich verstrickt sind, die wir aber letztlich in der Hand haben. Holloway vergleicht unsere Lage mit der einer Fliege in einem Spinnennetz, allerdings mit der wichtigen Modifizierung, dass es die Fliege selbst ist, die das Netz ständig neu webt. Doch parallel zur Reproduktion des Netzes gibt es den bewußten wie unbewußten Versuch, das Netz zu zerreissen. Reproduktion von Herrschaft und Widerstand existieren nebeneinander, ziehen sich durch die Subjekte hindurch, sind ineinander verschränkt. In Anlehnung an Ernst Bloch schließt der Fetischismus bei Holloway sein Gegenteil mit ein: als permanenten Kampf und Widerstand gegen den fetischisierten Identitäten, Kategorien, Definitionen und Hierarchien, die den Menschen ständig neu aufgezwungen werden.

Für Holloway ist der Ausgang dieses Kampfes ungewiss. Nur die Fliege selbst ist in der Lage, das Netzt zu zerreissen, das sie ständig neu spinnt. Und es gibt keinerlei Gewähr dafür, dass ihr das jemals gelingen wird. Befreiung und Emanzipation sind bei Holloway reale Möglichkeiten, aber alles andere als Gewissheiten. Noch sehr viel beunruhigender ist der Umstand, dass der Kampf bei Holloway seiner Natur nach immer negativ bestimmt ist, als Kampf gegen etwas. Es gibt keinen kommunistischen, herrschaftsfreien Endzustand, sondern nur ein immerwährendes Anrennen gegen Erstarrungen, Identitäten und neue instrumentelle Machtstrukturen. Diese Vorstellung einer "permanenten Revolution" ist somit nicht nur voller Ungewissheiten sondern auch voller Anstrengungen.

Die Welt verändern..." ist eine der ambitioniertesten Versuche, dialektisches Denken als revolutionäre Praxis zu verteidigen und neu zu begründen. Die Revolution ist eine reale Hoffnung, aber keine Gewissheit. Und sie wird entweder von den real existierenden, widersprüchlichen und vielfältig gebrochenen Menschen gemacht oder gar nicht. Und wie jedes gute Buch macht es Lust auf Debatte und (kritische) Fragen, etwa nach dem Sinn eines so breiten und daher auf gewisse Weise unspezifischen Klassenbegriffs. Oder die nach dem Verhältnis dieses Klassenverständnisses zur Wert- und Mehrwertproduktion und der (doppelt) freien Lohnarbeit, auf die sich Holloway in der Diskussion des Krisenbegriffs dann doch wieder zentral bezieht. "

Schade, dass der Verlag bei diesem Buch offensichtlich auf jedes Lektorat verzichtet hat. Irgendwann beeinträchtigt der Verzicht auf Kommata eben doch das Lesen und wird zum Ärgernis, genauso wie die zweimalige Verwendung ein und derselben Kapitelüberschrift. " Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen" hätte mehr verlegerische Sorgfalt auch in diesen scheinbar kleinen Dingen verdient.

Dirk Hauer
Analyse und Kritik

 

John Holloway: "Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen", Münster 2002 (Westfälisches Dampfboot), Übersetzung: Lars Stubbe, 255 Seiten, 24,80 EUR
Am Anfang ist der Schrei
Zentralbegriff Fetischisierung
Es rettet uns kein höh"res Wesen